Der Blumenpeter - Das Mannheimer Original – ein gebürtiger Plänkschter

der Blumenpeter

Am 5. April jährt sich jedes Jahr der Geburtstag von Peter Schäfer, besser bekannt unter dem Namen „Blumenpeter.

Wer kennt nicht seine angebklich so zahlreichen Witze und Anekdoten, hat nicht von seiner sprichwörtlichen Schlagfertigkeit gehört und wer hat noch nicht auf den Kapuzinerplanken in Mannheim sein kleines Bronze-Denkmal gesehen? Und doch ist festzustellen, dass den meisten gar nicht bekannt ist, dass der Blumenpeter eigentlich ein Plänkschter Gewächs ist. Am 5. April 1875 wurde er im Waldpfad 67 geboren; gestorben ist er am 15. Juni 1940 in der Heil - und Pflegeanstalt Wiesloch; am 18. Juni 1940 wurde er auf dem Wieslocher Anstaltsfriedhof beigesetzt.
 
Die zahllosen Witze, die angeblich vom Peter stammen oder über ihn im Umlauf waren und sind, entstammen wohl in vielen Fällen der Phantasie der ersten Erzähler. Als Beispiel dafür mag gelten, dass beispielsweise im „Großen Blumenpeterbuch“ über 29 Seiten hinweg Witze vom „Peter als Schulbu“ erzählt werden, obwohl Peter Schäfer nie eine Schule besucht haben konnte, da es zu dieser Zeit noch keine Sonderschulen gab und ihm von ärztlicher Seite „eine milde Form des Schwachsinns“ attestiert worden war – eine schöne Umschreibung!
 
Tragen wir einmal zusammen, was wir in Plankstadt und Friedrich Teutsch vom Mannheimer Stadtarchiv mit Sicherheit über den Blumenpeter wissen:
 
Das Geburtenbuch des Plankstädter Standesamts weist unter der laufenden Nummer 32 mit einer Eintragung vom 6. April 1875 aus, dass „am 5. April des Jahres eintausenachthundertfünfundsiebzig von der ledigen Tagnerin Barbara Berlinghof mittags um halb ein Uhr ein Kind männlichen Geschlechts geboren worden sei, welchem Kind der Vorname Johann Peter beigelegt werde“. Unterschrieben wurde diese Eintragung von der Anzeigenden Anna Maria Bopp, dem Bürgermeister Philipp Treiber sowie dem Ratschreiber Karl Lösch. Für die Eintragung fielen lt. dem Geburtenbuch für den Standesbeamten und den Rathschreiber je 20 Pfennig Gebühren an. – Somit war der Nachname des Blumenpeters also zunächst Berlinghof, bis lt. einer zusätzlichen Eintragung vom 3. Mai 1898 Joseph Schäfer, der Barbara Berlinghof zwischenzeitlich geheiratet hatte, den Sohn als gemeinsamen Sohn anerkannte; dieser trug ab diesem Zeitpunkt den Familiennamen Schäfer.
 
Nach Mannheimer Unterlagen, wohin die Familie Schäfer bereits 1891 umgezogen ist, hat Joseph Schäfer die Vaterschaft bereits unmittelbar nach dem Umzug, also sieben Jahre zuvor anerkannt. Warum die späte Eintragung im Plankstädter Geburtenbuch erfolgte, läßt sich heute nicht mehr hinreichend erklären.
 
Anhand unserer Kenntnisse über den Umgang der Nationalsozialisten mit psychisch kranken Menschen lag die Vermutung nahe, dass der Blumenpeter wie so viele Unglückliche dem Euthanasieprogramm, nach dem das von den Nazis sogenannte „lebensunwerte Leben“ getötet werden durfte, zum Opfer gefallen ist. Nach Dr. Hans Dieter Middelhoff, dem früheren Direktor des PLK Wiesloch, der die Krankenakte von Peter Schäfer umfangreichen Recherchen unterzogen hat, scheint dies jedoch nicht zuzutreffen. In den Eintragungen des ersten Halbjahres 1940 ist von einer zunehmenden Verschlechterung des Allgemeinzustandes des Patienten zu lesen; für den 12. Juni wird die Verfassung als sehr schlecht beschrieben und am 15. Juni 1940 wurde der Todeseintritt als Folge einer Herzmuskelschwäche angegeben. Diese Eintragungen aus dieser unglückseligen Zeit können natürlich nicht als endgültiger Beweis für die natürliche Todesursache angesehen werden; andere Beweise gibt es jedoch nicht und somit sind wir auf diese Aufzeichnungen angewiesen.
 
Aus der Akte geht weiterhin hervor, dass dem Leichnam noch am Todesnachmittag das Gehirn zur Präparation entnommen wurde. Der Leichnam wurde nicht, wie vielfach üblich, eingeäschert; dies mag als Beweis dafür gelten, dass es von Seiten der Anstaltsleitung keine Befürchtungen hinsichtlich einer Exhumierung gegeben hat. – Natürlich sind auch die großen T4 – Transporte (Krankentransporte zu Vernichtungsstätten) aus Peter Schäfers Todesjahr bekannt; von der Datierung her liegt ein großer Transport einen Monat vor und ein Transport nach Grafeneck auf der Schwäbischen Alb fünf Tage nach Peters Tod – Peter ist zwischen den Transporten gestorben, wahrscheinlich war er in seinem Todesjahr für einen der großen Transporte bereits zu hinfällig und ist deshalb verschont geblieben.
 
Obwohl als Geisteskranker nach den Nazi – Gesetzen zum sogenannten „lebensunwerten Leben“ zählend, war sein Tod sogar der überregionalen Ausgabe des ‚Hakenkreuzbanners‘ eine, allerdings recht sachliche, Meldung wert. Mehr Anteil zeigte die Mannheimer Ausgabe des Hakenkreuzbanners am Tod des Originals, allerdings wurde hier auf die Erwähnung der Krankheit und der Unterbringung in der Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch verzichtet. Die regionalen Nachrufe allerdings waren mehr verklärend als authentisch und stellten den Peter so dar, wie er eigentlich nicht war, nämlich als humoristische Persönlichkeit.
 
Was aber war er dann? Nach Dr. Middelhoff litt Peter an einer angeborenen Unterfunktion der Schilddrüse mit den Folgen Kleinwüchsigkeit, Anomalien am Knochbau und erhebliche Intelligenzminderung. Middelhoff vertritt jedoch die Auffassung, dass ihm sicher eine gewisse Schlagfertigkeit und Bauernschläue zuzubilligen sei. Da er keinen Beruf erlernen konnte, wurde ihm von einer Tante ein Körbchen mit Blumen in die Hand gedrückt, die er in den Lokalen feilbot. Dies wird nach den Recherchen des Stadtarchivs wohl zwischen 1898 und 1904 gewesen sein. Die Familie wohnte damal in Q3, 15. Von den Kindern wurde der Peter natürlich auch gehänselt und verspottet und Paul Kunze, der den Peter noch persönlich erlebt hatte, berichtet, dass Peter recht reizbar war und auch ausfällig werden konnte.
 
Peters Mutter starb am 16. Oktober 1917 mit 62 Jahren; vom Vater ist ab 1925 in Mannheim nichts mehr belegt; zuletzt wohnte der Peter im Quadart S 6, 8 im Hinterhaus bei seinem Schwager Heinrich Glatz; außerdem kümmerten sich die Gebrüder Buck, zwei Mannheimer Lokal – Kabarettisten um ihn. Sie verkauften Postkarten vom Peter mit diversen Motiven und ließen ihn wohl auch hin unter wieder „auftreten“, d.h. sie stellten ihn zur Schau und verdienten wohl auch Geld mit ihm. Der Sohn von Karl Buck berichtet, dass der Peter ziemlich frech und sehr jähzornig sein konnte.
 
Aus allen Zeitzeugenberichten geht hervor, dass der Peter eines mit Sicherheit nicht war, nämlich witzig! Diese Eigenschaften werden ihm erst nach dem Krieg vom Mannheimer Morgen und von der Karnevalsgesellschaft Feurio zugeschrieben. Dennoch gehörte der Peter in Mannheim etwa zwei Jahrzehnte lang zu den stadtbekannten Figuren, wie auch der Nasengraf, der Daniel, der Schotte-Karl, der Meese-Hannes, der Gille-galle und natürlich auch der Finkekarle, ein bekannter Tagedieb. Die beiden, die sich während ihrer Mannheimer Zeit nicht leiden konnten, trafen sich später in der Weinheimer Heil- und Pflegeanstalt wieder.
 
Mit den Jahren aber scheint Peter Schäfer immer öfter aus der Rolle gefallen sein, so dass sich seine Familie nicht mehr in der Lage sah, die Verantwortung für ihn zu behalten. Mit 44 Jahren wurde er am 10. Dezember 1919 in das Kreispflegeheim Weinheim eingewiesen. Nicht alle Mannheimer waren mit dieser Lösung einverstanden, denn einige witterten in dem behinderten Peter auch ein Geschäft, wie beispielsweise der Wirt des „Weißen Elefanten“, der sich wegen des Erhalts der  „Attraktion“ für eine Rückkehr von Peter einsetzte. Es wird berichtet, dass es ihm auch gelungen sei, einmal aus der Anstalt abzuhauen und nach Mannheim zu gelangen.
 
Ab dem 19. November 1929 lebte der Peter dann im PLK Wiesloch. Bei der Aufnahme wird vermerkt, dass er wisse, dass er in Plankstadt geboren und 54 Jahre alt sei. Auch Reichspräsident Hindenburg konnte er benennen, allerdings hapert es dann an der Zuordnung – Die Wieslocher Anstalt hatte damals 1600 Betten in Massenschlafsälen; über das Leben Peters dort erfahren wir so gut wie nichts, außer einigen Notizen, wie sie in Krankenakten gemacht werden.
 
Wiesloch galt nach damaligem Maß als sehr fortschrittliche Anstalt mit Vorbildcharakter. Ab 1933 hält auch in Wiesloch die NS-Psychiatrie Einzug; Anstaltsleiter ist der linientreue Wilhelm Möckel. Zwischen 1940 und 1945 werden über 1300 Patienten systematisch getötet, das entspricht etwa der Hälfte aller Insassen. Auch medizinische Experimente werden in der berüchtigten „Forschungsabteilung“ von Prof. Carl Schneider, dem Leiter des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP, durchgeführt. Der Blumenpeter hat es vielleicht seiner relativen Berühmtheit zu verdanken, dass er dem Euthanasieprogramm in den ersten Jahren entging; vielleicht ist er aber auch gerade noch rechtzeitig an Herzschwäche gestorben, bevor er doch noch einem Transport zur Vernichtung zugeteilt worden wäre. Eine Antwort darauf wird es wohl nicht mehr geben.
 
Vielleicht denken wir beim Hören oder Erzählen eines der vielen Blumenpeterwitze auch an das traurige Schicksal dieses armen Menschen. Jedenfalls bleibt der Peter ein Beispiel dafür, wie sich im Laufe der Zeit durch Überlieferung und Ausschmückung die Realität wandeln kann. Und eines ist auch sicher: die Blumenpeterwitze werden sicher auch noch weiterhin erzählt werden. Allerdings ist festzustellen, dass die Kenntniss der Witze doch bei der jüngeren Generation immer mehr abnimmt – diese Feststellung kann man heute in jeder Schulklasse machen.
 
Es ist Eberhard Reuß und seinen Büchern „Kaaf mer ebbes ab“ und „Erinnerungen an den Bloumepeter“ zu verdanken, dass die gesicherten historischen Tatsachen jenseits aller Legendenbildung einer breiten Leserschaft zugänglich gemacht wurden. Als Redakteur des SWR hat er dazu einen Film „Vom Außenseiter zur Legende – Wie die Mannheimer auf ihren Blumenpeter kamen“.gedreht, der am 19.11.00 ausgestrahlt wurde. Unterstützung erhielt er bei den Dreharbeiten von Gemeindearchivar Ulrich Kobelke, besonders bei den Aufnahmen der Eintragung im Geburtenbuch 1875 des Standesamtes Plankstadt.
 
Beispiele für die Blumenpeterwitze, die vielleicht schon bald der Vergangenheit angehören, da die Erinnerung an den Blumenpeter mehr und mehr verblasst:
 
Der Blumenpeter steht auf der Neckarbrücke und läßt an einem Seil eine Nähmaschine in den Neckar hinunter. „Peter, was schaffsch dann do?“, fragt ein Passant. „Des is doch ä Versenkbari !“, antwortet der Peter. (Anmerkung: Wissen eigentlich noch alle, was eine versenkbare Nähmaschine ist?)
 
Oder: Der Peter steht im strömenden Regen auf der Neckarbrücke und schlägt mit einer Peitsche ins Wasser. „Was soll dann des?“ fragt der Finke-Kalle. „Isch treib‘ die Fisch unner die Brick, dass sie net nass werre!“, antwortet der Peter.

(Verfasser: Ulrich Kobelke)