De Hoasebelz

Von fahrenden Geschäftsleuten, Pferdeäpfeln und Hasenpelzen

Pferdeäpfel sind als Dünger beliebt. © Pixabay

In früherer Zeit war die Hasenzucht in der Bevölkerung weit verbreitet und der Stallhase war ein wertvoller Fleischlieferant für den häuslichen Festtagstisch. Davon zeugen auch Ausdrücke wie „Isch hoag’ da oani ins G’nick wie’eme Schdallhoas!“ (Ich hau’ dir eine ins Genick wie einem Stallhasen), was auf die Art der Tötung hinwies und natürlich auch im Gegensatz zu heute von jedem verstanden wurde.
So gab es einen Mann – ich glaube, er kam aus Oftersheim, der regelmäßig mit seinem Fahrrad durch die Ortsstraßen fuhr und mit lauter und heiserer Stimme rief „Hoasebelz“, was sagen wollte, dass er die abgezogenen Felle der geschlachteten Stallhasen sammelte. Kein Wunder, dass er bei Jung und Alt nur „Hoasebelz“ genannt wurde. Die Felle hatte er dann gebündelt auf den Gepäckträger des Fahrrads geschnallt; manche waren schon getrocknet, andere, die aus frischer Schlachtung stammten, waren noch blutig.

Blutige Felle
Zum Abschluss seiner Tour durch Plankstadt machte er immer Station im Gasthaus „Zum Löwen“ in der Luisenstraße 2 bei Josef Kolb, „beim Seppl“. Das Fahrrad lehnte außen am Gasthaus mitsamt den „Hasenbelzen“, die blutig vor sich hin tröpfelten. In damaligen Zeiten war das keinerlei Erwähnung wert, man stelle sich aber den Aufschrei der Entrüstung in heutigen Zeiten vor. Unartige Kinder wurden mit pädagogisch äußerst fragwürdigen Drohungen zur Raison gebracht, indem ihnen gesagt wurde „Wann ned broav bisch, helld disch da Hoasebelz!“ (Wenn du nicht brav bist, nimmt dich der Hoasebelz mit). Die „Erholungsaufenthalte“ im Löwen waren von unterschiedlicher Dauer und mehr oder weniger intensiv, bevor sich der „Hoasebelz“ wieder mit seiner manchmal noch bluttropfenden Last auf den Heimweg machte.

Mit Korb von Tür zu Tür
Besonders in der Zeit nach dem Krieg gab es viele die sich einfallsreich ein Zubrot zu ihrer oft kargen Existenz verdienten. Aus dem Odenwald kamen die Handkäs-Vetter, die Handkäse aus ihren Körben an den Haustüren anboten; auch die Meerrettich-Männer, die Meerettich-Stangen aus dem Koffer verkauften, waren viel gesehen. Bekannt war auch „der Selb“ (Namensherkunft unbekannt), ein Mann, der auf dem Gepäckträger seines Fahrrades eine Holzkiste hatte, aus der er Knöpfe, Nähgarn, Schuhfett und -creme oder Schnürsenkel anbot und die Leute mit dem Satz „Schuhbändel odda Wix – ehr Leit’ braucht’a nix?“ zum Kauf zu animieren suchte.

Pälzer Krischer
Fast jede Woche kamen Lumpen- und Alteisenhändler mit Messerschmidt-Dreirad-Klein-Lkw und sammelten Lumpen oder Eisen ein. Dafür gab es als Belohnung ein irdenes Töpfchen oder Schüsselchen (nur 2. Wahl natürlich!) zum Dank. Der Lumpensammler sammelte tatsächlich alte Lumpen, die kein Mensch mehr gebrauchen konnte, denn an eine Altkleidersammlung wie heute war in schlechten Zeiten nicht zu denken. Alles, was noch in irgendeiner Form verwertbar bar, behielten die Leute, denn Neuanschaffungen waren meist zu kostspielig.
Aus der Pfalz kam wöchentlich viele Jahre ein Gemüsehändler und verkaufte in den Ortsstraßen frisches Gemüse, denn Supermärkte gab es noch nicht und die Kolonialwarengeschäfte wurden damals nicht täglich mit frischer Ware beliefert. Mit seinem Lieferwagen hielt er an diversen Punkten in Plankstadt und pries lautstark seine Ware an. Dies brachte ihm den Namen „Pälzer Krischer“ ein.
Düngemittel für den Hausgarten

Pferdemist wurde gesammelt
Wer weiß heute noch, was ein „Knoddlkärchl“ ist? Plankstadt war früher ein Ort, in dem die Landwirte viele Pferde hatten und diese täglich bei der Feldarbeit einsetzten. Nun hinterlassen Pferde ihre Spuren in den Straßen. Pferdeäpfel, „Knoddl“ genannt, waren ein ausgezeichnetes Düngemittel für den Hausgarten und entsprechend begehrt bei denen, die keine Pferde hatten. Hatte ein Pferd seine „Knoddl“ auf der Straße hinterlassen, stürzten sich die Anwohner sofort auf diese und brachten sie in ihre Hausgärten. Es kam auch zum Streit, wer schneller an den „Knoddln“ war. War ein Pferdefuhrwerk schon von weitem zu hören, so lauerten manche schon mit der „Schibb“ (Schaufel) hinter dem Hoftor, denn vielleicht fiel vom vorbeilaufenden Pferd etwas ab. Mindestens zwei Männer sind mir noch in Erinnerung, die mit einem kleinen Wägelchen, dem Knoddlkärchl, durch die Ortsstraßen liefen und versuchten, schneller als die Anwohner zu sein und die „Knoddl“ für den eigenen Garten aufzusammeln. Der eine war ein etwas kleiner Mann mit einem Buckel, ein Heimatvertriebener, der nach dem Krieg auf der Flucht nach Plankstadt gekommen war, der sich abmühte, die „Knoddl“ zu bekommen. So ein Knoddlkärchl Marke Eigenbau würde heute unter dem Begriff „Bollerwagen“ firmieren und wäre im Handel für eine schöne Stange Geld zu erwerben, um dann Kinder darin spazieren zu fahren oder beim Herrenausflug am Vatertag dem Provianttransport zu dienen.

Heutzutage kommt eine Anzeige
Welch ein Unterschied zu heute. Pferdeäpfel gibt es ganz selten auf der Straße, höchstens beim Einsatz von Hochzeits- oder Freizeitkutschen und wenn die Pferde dann etwas hinterlassen, ist dies höchstens noch ein Ärgernis, das angezeigt wird und mit dem sich das Ordnungsamt oder die Straßenreinigung beschäftigen muss. Dafür finden wir heute jede Menge Hundekot auf den Gehwegen, den niemand beseitigt – zumindest äußerst ungern – und eine Verwendung dafür gibt es schon gar nicht.
Schade, dass es zu all dem Beschriebenen keine Fotos mehr gibt, solche Dinge wurden damals nicht als fotografierenswert eingestuft, abgesehen davon, dass nach dem Krieg die wenigsten über einen eigenen Fotoapparat verfügten, denn viele der Apparate waren von den Besatzungssoldaten konfisziert worden.