Seltenes Organisten-Jubiläum: Festgottesdienst für Lothar Gaa in St. Nikolaus mit Ehrendomherr Wolfgang Gaber

© Schwindter

Es ist schon eine denkwürdige Jahreszahl, wenn ein Organist seit nunmehr 70 Jahren an seiner Heimatpfarrkirche die Orgel spielt. Dr. Lothar Gaa, noch dazu gebürtiger Plänkschder, konnte am 1. Adventssonntag dieses seltene Jubiläum zusammen mit seiner Heimatgemeinde feiern! Mit einem Festgottesdienst am 2. Dezember hat die Pfarrei St. Nikolaus dieses Ereignis begangen und mit Pfarrer Friedbert Böser und Ehrendomherr Wolfgang Gaber die Eucharistie gefeiert. Ehrendomherr Wolfgang Gaber hat dabei die die Gratulation von Erzbischof Stephan Burger sowie eine Dankesurkunde von Papst Franziskus überbracht.

Eindrucksvoll erläuterte Gaber – selbst ein Vollblutorganist - in seiner Festpredigt die einzelnen Register einer Orgel im Zusammenklang mit dem menschlichen Leben. Hans-Peter Weirether spielte die Orgel, der Kirchenchor unter Leitung von Dr. Valerie Schnitzer bereicherte die Feier mit mehreren Gesängen. Wie Lothar Gaa berichtet, sei er an diesem denkwürdigen Adventssonntag des Jahres 1948 recht aufgeregt gewesen. Schmunzelnd berichtete er, wie ihm damals Hedwig Pfaff neben dem Spieltisch stehend Selbstvertrauen durch ihre kräftige Stimme gab. Dieses Lampenfieber hat sich den sieben Dekaden seiner Tätigkeit natürlich längst gelegt und manch einer hat in dieser Zeit die Orgel in Plankstadt schon gespielt, aber die Plänkschter wußten immer, wenn „der Lothar“ spielte, auch wenn sie ihn auf der Empore nicht sehen konnten. In den 70 Jahren seiner Tätigkeit hat er so manchen Festgottesdienst verschönert, ob an den Festtagen des Kirchenjahres oder an den besonderen Tagen der Pfarrei wie Primizen, Investituren, Kirchenjubiläen und vielen anderen kirchlichen Feierlichkeiten. Viele Plänkschter hat er so durch die kirchlich geprägten Stationen des Lebens begleitet: von der Erstkommunion über Firmung und Hochzeit bis hin zu Trauergottesdiensten und Beerdigungen. Die jüngeren Gemeindemitglieder können es sich vielleicht gar nicht mehr recht vorstellen, dass es damals drei Sonntagsgottesdienste um 7, 9 und 11 Uhr gab – und daß die Kirche auch dreimal fast voll war!!! Auch in vielen Werktagsgottesdiensten waren Organisten gefragt, denn täglich gab es die Woche über zwei Eucharistiegeiern – meist um 6.15 Uhr und um 7 Uhr. Lothar Gaa hat auch den Wandel in der Liturgie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 – 1965) hautnah miterlebt.

Erst Klavier, dann Orgel
Als Organist hat er eine ganze Palette von Pfarrern mit unterschiedlichen Temperamenten und musikalischen Vorlieben erlebt, von Robert Friton über Heinrich Grimm, Ludwig Bender, Werner Reihing und Rudolf Grammetbauer, von P. Bernhard Brinks über Wolfgang Gaber bis zu Friedbert Böser – die Pfarrer kamen und gingen – Lothar Gaa aber saß am Spieltisch der Orgel von St. Nikolaus! Sein fachmännischer musikalischer Rat war immer gefragt, so natürlich auch bei der Planung und dem Bau der neuen Weise - Orgel 1965, die inzwischen zum 100-jährigen Kirchenjubiläum 2004 auch generalüberholt wurde. Der Jubilar berichtet von seinen Anfängen als Musiker am Klavier und seinem Wechsel zur Orgel. Seine Organistenausbildung erhielt er in Heidelberg am evangelischen kirchenmusikalischen Institut und an der Providenzkirche, denn eine katholische Kirchenmusikausbildung gab es damals in unserem Raum noch nicht. Selbstverständlich fuhr er damals mit dem Fahrrad zum Orgelunterricht nach Heidelberg!

In der Nachkriegszeit machte er auch Tanzmusik zusammen mit seinem Mit-Plänkschder Schlagzeuger Adolf Berlinghof, den „Ochse-Buwe“, Heinz und Hans Ochs und anderen Musikern aus der Umgebung. – Mit seiner Gattin Gertrud, geb. Hemmerich, mit der er im kommenden Jahr Diamanthochzeit feiern kann, hat er zwei Kinder, Birgitta und Meinhard, die beide den juristischen Berufsweg gewählt haben: die Tochter als Richterin in München und der Sohn als Rechtsanwalt und Nachfolger in der väterlichen Praxis. Ebenso konnte Lothar Gaa auch sein musikalisches Talent an seine Kinder und Enkel weitergeben, denn alle sind musikalisch tätig.

Ehrenmedaille des Bürgermeisters
Ein Blick noch auf das bedeutende berufliche Engagement von Dr. Lothar Gaa: Parallel zu seiner langen Anwaltstätigkeit – 1960 eröffnete er seine Anwaltskanzlei in Schwetzingen, die mittlerweile sein Sohn Dr. Meinhard Gaa erfolgreich führt - war er auch immer Politiker als Landesvorsitzender der Jungen Union, als Stadtrat in Schwetzingen, als Landtagsabgeordneter und später als Präsident des Landtags von Baden-Württemberg. Für seine Verdienste wurde er mit dem Großen Bundesverdienstkreuz und mit der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Im Juni 2008 erschien seine Autobiographie mit dem Titel „Abgeordneter für alle“, in der er seinen politischen Werdegang ebenso wie wichtige Aspekte seines Lebens außerhalb der Politik schildert. Das Buch bietet zudem eine Fülle von Einblicken in das Leben im „alten Plankstadt“ und auch in seine Schulzeit an der Schwetzinger Oberrealschule, dem heutigen Hebel-Gymnasium, wo er sich als guter Schüler nach eigener Aussage zwar keine Meriten im Fach Sport erwarb, aber den Grundstock für seine Leidenschaft, das Bergwandern, legte.

Bürgermeister Nils Drescher dankte für das lange Engagement in seiner Heimatgemeinde und verlieh ihm die Goldene Ehrenmedaille des Bürgermeisters. „Sie sind ein Mensch, der aus wertvollem Holz geschnitzt ist und zeichnen sich nicht nur durch Ihr kirchliches Engagement aus“, so Drescher. Für den Gesamtpfarrgemeinderat der Seelsorgeeinheit Schwetzingen - Oftersheim – Plankstadt dankte Maria Teubner und für den Kirchenchor Manuela Engelhardt. Das letzte Wort gebührte dem Jubilar: Lothar Gaa dankte seinem Schöpfer für das empfangene Talent, seinen verstorbenen Eltern, die ihm die musikalische Ausbildung ermöglichten und seiner Familie, allen voran seiner Ehefrau Gertrud. In seinen Dank bezog er auch die früheren Geistlichen, die Leiter des Kirchenchores und die Sängerinnen und Sänger der ganzen zurückliegenden 70 Jahre mit ein.

Text: Ulrich Kobelke