Die Schützenhütte im Gewann Jungholz

Wer mit dem Fahrrad, zu Fuß oder auch mit dem Auto (beispielsweise beim Spargeleinkauf) in der nördlichen Plankstädter Flur unterwegs ist, dem mag schon mal aufgefallen sein, dass es da einen Hüttenweg gibt, obwohl weit und breit keine Hütte oder etwas ähnliches zu sehen ist. Dieser Hüttenweg verläuft im Gewann Jungholz vom Baumlehrpfad zum „Grenzhöfer Chauseele“ (K 4144) und endet dort. Parallel dazu verläuft etwas ortsnäher der Raingewannweg von der Gaststätte der Kleintierzüchter ebenfalls zur Kreisstraße K 4144. Wegenamen, besonders in der Feldflur, weisen meist auf frühere Bedeutungen hin. So auch der Hüttenweg.

Tatsächlich gab es einmal, und so lange ist das gar nicht her, eine Hütte an der Einmündung dieses Weges in die Kreisstraße 4114. Es handelte sich um eine aus Stein gemauerte, mit einem steinernen Flachdach versehene Hütte, die an den Wänden nur drei Sehschlitze und die Eingangsöffnung hatte. Bei der Plänkschter Bevölkerung war diese Hütte unter dem Namen „Schützenhütte“ bekannt. Und auch Schutz bot diese Hütte bei aufziehenden Unwettern den auf den Feldern arbeitenden Menschen allemal. Man muss sich vor Augen halten, dass Feldarbeit in alter Zeit nicht vom schnellen und schützenden Traktor aus verrichtet wurde, mit dem man im Notfall auch relativ schnell den heimatlichen Hof wieder erreichen konnte. Viele Menschen gingen zu Fuß oder fuhren mit dem Fahrrad zu den Feldern um dort etwa Unkraut zu hacken oder beispielsweise Kartoffeln auszumachen. Da brauchte man nach Hause schon eine Weile und brauchte zuweilen auch einen Unterstand, wenn man vom Unwetter überrascht wurde. In diesem Gewann Jungholz befanden sich die Rottstücker, das Allmendgelände, das an die Ortsbürger zur Bewirtschaftung vergeben wurde und diese waren zumeist nicht im Besitz von Fuhrwerken mit Pferden oder gar Traktoren.

Natürlich war die Schützenhütte auch ein Unterstand für die früher bei der Gemeinde beschäftigten Feldschützen oder Feldhüter, die immer in der Gemarkung unterwegs waren, nach dem Rechten sahen und dafür sorgten, dass die Regeln auch in der Feldflur eingehalten wurden. In schlechten Zeiten versuchte schon mal der eine oder andere, auf den Feldern etwas zu ergattern und dass dies unterblieb oder gegebenenfalls geahndet werden konnte, dafür gab es die Feldhüter. In heutigen fetten Zeiten, wo keiner mehr auf Feldfrevel angewiesen ist, um sein Überleben zu sichern, glaubt man auf dieses Personal verzichten zu können.
Allerdings haben wir heute ein anderes Problem, für das man sehr wohl Aufsichtspersonen in der Feldflur brauchen könnte und das ist die unerlaubte Müllablagerung im Feld! Jede Zeit hat also andere Vorzeichen und Voraussetzungen.

Die Sehschlitze in den Außenmauern der Schützenhütte sorgten natürlich dafür, dass der Schütz von seinem Standort aus vieles sehen konnte, aber selbst nicht gesehen wurde. Dies natürlich zum Nachteil der vielen Plänkschter Kinder und Jugendlichen, vor denen kein Obstbaum, besonders zur Zeit der Kirschreife, sicher war und die oft einen „Aufpasser“ abstellten, der die Umgebung im Blick behielt, ob nicht plötzlich der Schütz auftauchte – dann aber galt es, die Beine in die Hand zu nehmen und das schnell Weite zu suchen.
Neben der Hütte gab es früher eine Schachtabdeckung, die auf einen alten Brunnen an dieser Stelle verweist. In der Mitte hatte die Abdeckung ein Loch und wenn man einen Stein hineinwarf, hörte man den Stein ins Wasser plumpsen. Wenn Kinder fragten, was es mit diesem Brunnen auf sich habe, wurde ihnen von schalkhaften Erwachsenen erklärt, es handle sich wohl um den „Kinderbrunnen“, von wo bei Geburten die kleinen Kinder herkämen – vielleicht haben es manche sogar geglaubt!

Im Laufe der Zeit verfiel die Hütte immer mehr, bis sie zuletzt von der Gemeinde ganz entfernt wurde. An ihrem Platz wurde ein Nußbaum – übrigens schon der zweite - gepflanzt und eine Holzbank darum herum errichtet – so wie wir den Platz heute noch vorfinden. Ein idealer Treff für rüstige Rentner!

Heute sehen wir beim Gang durch die Flur nur noch wenige Obstbäume auf den Feldern. Der Einsatz moderner landwirtschaftlicher Maschinen führte dazu, dass man die Obstbäume bis auf wenige nach und nach entfernt, denn sie störten doch die großen Maschinen. Und wie jedes Ding seine zwei Seiten hat, so auch hier: die Bauern konnten nach dem Entfernen der Obstbäume ihre Felder besser bewirtschaften, die Raubvögel fanden keine Aussichtsbäume mehr, von wo aus sie auf Mäusejagd gehen konnten. Eigentlich viel zu spät errichtete man hohe Stangen als Aussichtsplätze für Raubvögel, denn ein großer Teil der Vögel war bereits abgewandert. – Heute werden auch wieder vermehrt Obstbäume angepflanzt, z.B. in der Kirschengewann hinter dem Friedhof.

Ein Beispiel, wie sehr die Landwirtschaft früher in der Bevölkerung verankert war, zeigen die großen Kartoffelkäfer – Sammelaktionen in den 40-er Jahren, um dem Schädling den Garaus zu machen. Die Schuljugend wurde verpflichtet, sich an Sammelaktionen zu beteiligen, um so einen Beitrag zur Versorgung der Gemeinschaft zu leisten. Treffpunkt war die Schützenhütte.

Da die Hütte auch ein Bauwerk einfachster Art war und keinesfalls als Unterkunft geeignet war, tauchte in der Umgangssprache auch schon mal der Satz auf: „Du kannsch glei in die Schitzehitt‘ ziehje!“ womit wohl gemeint sein sollte, dass der so Angesprochene gewissermaßen aus seiner Wohnung geworfen werden sollte.

Ulrich Kobelke (Fotos: Gemeindearchiv / Ulrich Kobelke)