Vor 50 Jahren: Neue Glocken für Plankstadt - Beide Kirchengemeinden erhalten neue Glocken

die Glocken rollen durch Plankstadt

Die erste Adventswoche des Jahres 1950 stand für Plankstadt ganz im Zeichen der beiden Kirchen.

Am 2. Dezember wurden die Glocken in einem feierlichen Zug von der Glockengießerei Schilling in Heidelberg nach Plankstadt überführt. Am 3. Dezember fand in der katholischen Pfarrkirche St. Nikolaus die Glockenweihe statt, die Glocken der evangelischen Kirche wurden am 10. Dezember geweiht. So ein bedeutendes Ereignis ist natürlich auch mit weltlichen Feiern verbunden, diese fanden am 2. Dezember im evangelischen Gemeindehaus statt und am 3. Dezember im katholischen Jugendheim unter Beteiligung zahlreicher geistlicher, politischer und weltlicher Prominenz.

Was sich hier als eine sachliche Aufzählung zeitlicher Fakten anhört, war in Wirklichkeit ein ganz besonderes Ereignis. Eigentlich grenzt es fast an ein Wunder: In einer Zeit, in der es den meisten Menschen in Deutschland finanziell mehr als schlecht ging und die Sorge um die Neugestaltung der Lebensumstände in der Nachkriegszeit im Vordergrund stand, gelang es den beiden Konfessionen in Plankstadt, die Mittel für die Beschaffung neuer Glocken zu beschaffen. Ein Kunststück, das Pfarrer Heinrich Grimm von der katholischen Pfarrgemeinde und Pfarrer Friedrich Brand von der evangelischen Kirchengemeinde zuwege brachten, indem sie die Gemeindemitglieder aktivieren konnten, von dem wenigen, das die Menschen hatten, einen Teil für die Ausstattung ihrer Kirche abzugeben. Auch die Vereine trugen durch den Erlös von Veranstaltungen zur Finanzierung der Glocken bei und die Kirchengemeinden veranstalteten Glocken-Bazare. Eine weitere Aktion war der gemeinsame Verkauf von Glocken-Abzeichen durch Jugendliche beider Kirchengemeinden. Eine solche Einstellung der Gemeinden wirft ein gutes Licht auf den Stellenwert, den die Menschen damals ihren christlichen Grundeinstellungen zubilligten. Die heute leider allzuoft gestellte egoistische Frage „Was bringt mir das?“ hatte damals zum Glück noch wenig Bedeutung. Für die Menschen war klar, Kirchen brauchen Glocken und dafür setzten sie sich ein. Neben dieser Tatsache aber begleiten Glocken die Christen durch ihr ganzes Leben und weisen hin auf die letzte Bestimmung des Menschen.

In einer Zeit, in der das Wort Ökumene bei weiten nicht den heutigen Stellenwert hatte, war es schon eine Besonderheit, dass sich hier beide Kirchengemeinden zusammengefunden hatten, um in einer gemeinsamen Aktion zwei Geläute aus einem einzigen Guss anzuschaffen, die klanglich vollständig aufeinander abgestimmt waren. So war es denn auch eine Selbstverständlichkeit, dass man gegenseitig die Feiern in den Kirchen und in den Gemeindesälen besuchte, um diese außerordentliche Gemeinsamkeit zu unterstreichen. In ihren Ansprachen wiesen Pfarrer Heinrich Grimm und Pfarrer Friedrich Brand auch immer wieder auf die gemeinsame Verpflichtung zum friedvollen christlichen Miteinander hin.

Die alten Kirchenglocken waren, wie dies in Kriegszeiten immer der Fall war, der Rüstungsindustrie zum Opfer gefallen. Dies bereits zum zweiten Male, denn auch im Ersten Weltkrieg bediente sich der Staat bei der Rohstoffsuche wie selbstverständlich bei den Kirchen. So geschehen im August des Kriegsjahres 1917, als der Nikolauskirche von dem aus vier Glocken bestehenden Geläute nur die kleinste Glocke verblieb. Die evangelische Kirche musste ihre große Glocke abliefern. Im April 1942 erfolgte die erneute Einziehung der Kirchenglocken. Die Schlacht um Stalingrad hatte die Wende des Krieges eingeläutet, nun bediente sich der Staat, wo er nur konnte, um die dringend benötigten Rohstoffe für die Kriegsindustrie zu beschaffen. Beiden Kirchen verblieb wiederum nur jeweils nur eine Glocke.

Umso größer war die Freude in der Bevölkerung, dass fünf Jahre nach dem furchtbaren Krieg und den schweren Nachkriegsjahren nicht nur Ersatz für die abgelieferten Glocken beschafft werden konnte, sondern dass beide Kirchen mit neuen Geläuten ausgestattet werden konnten. Deshalb war es auch kein Wunder, dass ganz Plankstadt auf den Beinen war, als die neuen Glocken auf den festlich geschmückten Wagen im Dorf eintrafen. Der Reit- und Fahrsportverein hatte den Transport und die Eskorte übernommen, die beiden Kirchenchöre hatten sich zu einem Gesamtchor vereinigt, die Feuerwehrkapelle bildete den musikalischen Rahmen, die jungen Mädchen und Burschen begleiteten die Fahrzeuge mit geschmückten Fahrrädern und alle Honoratioren waren mit Zylinder erschienen. Nach einem Umzug durch die Ortsstraßen sprachen am Rathausplatz Pfarrer Friedrich Brand, Pfarrer Heinrich Grimm und Landrat Dr. Valentin Gaa. Die Musikkapelle intonierte immer wieder geistliche Lieder und zum Abschluss sang die versammelte Menschenmenge gemeinsam das Lied „Großer Gott, wir loben dich“.

Beim Einbau der Glocken in die Kirchtürme mussten zum Teil auch bauliche Veränderungen vorgenommen werden, so wurde in der evangelischen Kirche ein zweiter Glockenstuhl eingebaut.

Glocken im liturgischen Dienst habe auch schon immer Namen bekommen, so auch Plankstadts neue Glocken. Zunächst zu den fünf Glocken der St.Nikolaus-Kirche: die größte Glocke ist mit 1700 kg die Christ-Königs-Glocke (Ton des) ; sie trägt die Umschrift: „Hell zum Himmel soll es klingen/über alle Lande dringen/Jesus König aller Zeit/Hochgelobt in Ewigkeit“; die St.Nikolaus-Glocke (Ton es) wiegt 1250 kg und trägt die Inschrift: St.Nikolaus, du Schutzpatron/Zu Christus-König, Gottes Sohn/Zur Gottesmutter lieb und traut/Ruft die Gemeinde hin stets laut“. Die dritte Glocke, 650 kg schwer, ist die Marien-Glocke (Ton ges); ihre Inschrift lautet: „Alle Tage, Glocke sage/Lob der Mutter unseres Herrn“; die Umschrift der 320 kg schweren St.Michaels-Glocke (Ton b) lautet: „Hilf uns hie kämpfen/Die Feinde dämpfen – St. Michael“ und schließlich ist die kleinste Glocke mit 220 kg Gewicht die St.Josephs-Glocke (Ton des); auf ihr steht: „St.Joseph heiß ich, Tote bewein ich/und ruf ihnen zu: Habt ewige Ruh!“ 

Die vier Glocken der evangelischen Kirche tragen keine Namen von Heiligen, sondern sind nach den wichtigen Stationen im Leben des Christen benannt: Die Taufglocke (Ton f) mit der Inschrift „Gott hat euch berufen zu seinem Reich und zu seiner Herrlichkeit“, die Inschrift der Konfirmationsglocke (Ton as) lautet Du aber bleibe in dem, das du gelernt hat und dir vertraut ist, die Trauglocke (Ton b)ist beschriftet mit dem Spruch „Durch die Liebe diene einer dem anderen“ und die Totenglocke (Ton c) trägt den hoffnungsvollen Satz: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“. Zusammen wiegen die Glocken den evangelischen Kirche etwa 2100 kg.

(Verfasser: Ulrich Kobelke)